Marburg, 28. März 2026
Abschlusserklärung der Tagung
Re-Move Kids – Medizinische Versorgung amputierter Kinder
Institutionen für Aufnahme
Institutionen, die sich für die Aufnahme ausgesprochen haben
Mehrere Städte, Kliniken und Organisationen haben sich bereits für die Aufnahme und Behandlung von Kindern ausgesprochen. Die Übersicht öffnet sich thematisch.
Präambel
Am 28. März 2026 versammelten sich in Marburg medizinische Fachkräfte, Vertreter*innen humanitärer Organisationen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen sowie Akteur*innen der Zivilgesellschaft zur Tagung „Re-Move Kids", um eine zentrale und hochkomplexe Frage zu diskutieren:
Wie kann medizinisch verantwortungsvoll gehandelt werden, wenn notwendige Versorgung vor Ort nicht mehr gewährleistet ist und zugleich der Zugang zu externer Behandlung blockiert wird?
Die Beiträge der Tagung machten deutlich, dass diese Fragestellung keine abstrakte ist, sondern eine akute Realität beschreibt, die täglich über Leben, Gesundheit und Zukunft von Kindern entscheidet.
Bereits zu Beginn wurde die Dringlichkeit durch kommunale und medizinische Verantwortungsträger klar benannt. Der Oberbürgermeister der Stadt Marburg, Dr. Thomas Spies, stellte fest:
„Wir haben Platz. Wir haben die notwendige Expertise und vor allen Dingen, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen."
— Dr. Thomas Spies, Oberbürgermeister der Universitätsstadt Marburg
Zugleich kritisierte er, dass die Aufnahme verletzter Kinder bislang nicht umgesetzt wurde und bezeichnete diesen Zustand als „ohne Zweifel enttäuschend".
Auch aus der Universitätsmedizin wurde ein klarer Handlungsauftrag formuliert. Der Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität Marburg, Prof. Dr. Michael Hertl, erklärte:
„Wir wollen nicht nur schöne Worte verlieren – wir möchten etwas tun."
— Prof. Dr. Michael Hertl, Dekan des Fachbereichs Medizin, Philipps-Universität Marburg
Diese Aussagen stehen exemplarisch für die zentrale Erkenntnis der Tagung: Die medizinischen Möglichkeiten zur Hilfe existieren – ihre Umsetzung wird jedoch politisch blockiert.
Zentrale Erkenntnisse
Die Beiträge der Tagung verdeutlichten, dass die medizinische Versorgung schwer verletzter Kinder in Gaza derzeit nicht allein an zerstörter Infrastruktur scheitert, sondern maßgeblich durch politische und administrative Blockaden bestimmt wird.
Der Gefäßchirurg Dr. Ahmad Abu Nada, tätig in Gaza, beschrieb eine massiv eingeschränkte Versorgungssituation mit zerstörten Krankenhäusern, fehlenden Medikamenten und extrem begrenzten Operationskapazitäten. Er machte deutlich, dass viele Patient*innen Behandlungen benötigen, die vor Ort nicht mehr durchgeführt werden können, und betonte:
„Patient*innen warten auf Evakuierungsmöglichkeiten – und sterben in dieser Zeit."
— Dr. Ahmad Abu Nada, Gefäßchirurg, Gaza
Damit wurde klar: Das Problem ist nicht nur fehlende medizinische Versorgung, sondern fehlender Zugang zu vorhandener Behandlung.
Diese Einschätzung wurde durch internationale Perspektiven bestätigt. Die Vertreterin von Physicians for Human Rights Israel, Mays Medleg, schilderte anhand eines konkreten Falls über ein fünf Monate altes palästinensisches Baby:
„She could have been saved. Her treatment was available. But the restrictions that were imposed denied her that life-saving treatment."
— Mays Medleg, Physicians for Human Rights Israel
Sie verwies darauf, dass lebensrettende Behandlung nur wenige Dutzend Kilometer entfernt verfügbar gewesen wäre, jedoch durch bestehende Restriktionen durch die israelischen Behörden nicht erreicht werden konnte.
Medizinische Versorgung scheitert nicht nur an Ressourcen, sondern an politischen Entscheidungen, die den Zugang zu Behandlung verhindern.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Rolle europäischer Aufnahmestaaten – insbesondere Deutschlands.
Der Vertreter der Zivilgesellschaft und Mitorganisator der Tagung, Aladin Atalla, formulierte das Ziel der Veranstaltung klar:
„Dort, wo Hilfe vor Ort nicht möglich ist, müssen wir Wege finden, eine Behandlung auch hier in Deutschland zu ermöglichen."
— Aladin Atalla, Mitorganisator Re-Move Kids
Gleichzeitig wurde in der Tagung deutlich, dass genau diese Wege derzeit nicht ausreichend eröffnet werden.
Die Ärztin und Vertreterin der Organisation Kinder Relief, Dr. Nacera Belala, berichtete aus praktischer Evakuierungsarbeit, dass zahlreiche Kliniken in Deutschland ihre Bereitschaft zur Aufnahme signalisiert haben. Dennoch würden Evakuierungen durch politische Vorgaben verhindert.
Besonders kritisch hob sie hervor, dass die Mitreise von Begleitpersonen nicht ermöglicht werde und Kinder daher allein ausreisen sollten. Sie stellte dazu eine zentrale ethische Frage:
„Wer würde sein schwer verletztes, traumatisiertes Kind alleine in ein fremdes Land schicken – ohne zu wissen, wie lange es dort bleibt?"
— Dr. Nacera Belala, Kinder Relief
Diese Praxis wurde von medizinischen und psychosozialen Expert*innen der Tagung eindeutig zurückgewiesen.
Dr. med. Ahmad Bransi, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Detmold, beschreibt in seinem Vortrag das Phänomen der sogenannten WCNSF „Wounded Child No Surviving Family" – ein Akronym, welches Mediziner*innen aus Gaza erfinden mussten für die Vielzahl an verletzten Kindern, deren gesamte Familie getötet wurde. Er betonte die fundamentale Bedeutung stabiler Bezugspersonen für die Entwicklung und Genesung von Kindern und wies darauf hin, dass fehlende familiäre Bindungen Traumafolgen erheblich verschärfen.
Auch aus kinder- und jugendpsychiatrischer Perspektive wurde deutlich, dass eine Behandlung grundsätzlich möglich ist – jedoch nur unter geeigneten Rahmenbedingungen. So wurde aus der klinischen Praxis heraus formuliert:
„Wenn wir die Kinder hierher bekommen, können wir sie auch gut behandeln."
— Kinder- und jugendpsychiatrische Perspektive, Tagungsbeitrag
Die Forderung, schwer verletzte Kinder ohne Begleitpersonen aufzunehmen, widerspricht damit grundlegenden medizinischen, psychologischen und ethischen Standards und stellt in der Praxis eine erhebliche Hürde für notwendige Evakuierungen dar.
Schlussfolgerungen
Aus den Beiträgen der Tagung ergibt sich ein klares Gesamtbild: Die unzureichende Versorgung schwer verletzter Kinder ist nicht allein Folge zerstörter Infrastruktur, sondern Ergebnis ineinandergreifender politischer Blockaden.
Einerseits wird der Zugang zu medizinischer Behandlung durch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und fehlende Evakuierungsmöglichkeiten vor Ort durch die israelischen Behörden verhindert.
Andererseits werden vorhandene Behandlungskapazitäten in aufnahmebereiten Ländern wie Deutschland durch restriktive Visavergabe und politische Vorgaben blockiert.
Eine ausschließlich lokale Versorgung reicht unter diesen Bedingungen nicht aus. Gleichzeitig ist die internationale medizinische Hilfe faktisch eingeschränkt, obwohl die notwendigen Strukturen vorhanden sind.
Die Universitätsmedizin, kommunale Akteure und zivilgesellschaftliche Organisationen haben ihre Bereitschaft zur Aufnahme und Behandlung klar signalisiert.
Besonders deutlich wurde, dass Deutschland trotz vorhandener Kapazitäten, konkreter Aufnahmebereitschaft und gesicherter Finanzierung bislang keine wirksamen Strukturen zur medizinischen Evakuierung geschaffen hat.
Das bestehende Hindernis liegt daher nicht im Fehlen medizinischer Möglichkeiten, sondern in deren politischer Blockade.
Forderungen
Vor diesem Hintergrund formuliert die Abschlusserklärung der Tagung „Re-Move Kids" folgende Forderungen an politische Entscheidungsträger*innen, insbesondere in Deutschland:
- Es bedarf einer konsequenten und langfristigen Unterstützung beim Wiederaufbau lokaler Gesundheitsstrukturen.
- Gleichzeitig müssen medizinische Evakuierungen sofort und verlässlich ermöglicht werden. Hierfür sind institutionell verankerte Programme mit klar definierten Zuständigkeiten erforderlich.
- Die Bundesregierung wird aufgefordert, bestehende Aufnahmehindernisse abzubauen und medizinische Evakuierungen nach Deutschland aktiv zu ermöglichen.
Dies umfasst insbesondere:
- die Schaffung beschleunigter und unbürokratischer Einreiseverfahren
- die verbindliche Ermöglichung der Mitreise enger Bezugspersonen
- die Nutzung vorhandener medizinischer Kapazitäten in deutschen Kliniken
Dabei ist zu berücksichtigen, dass entsprechende Behandlungsangebote bereits bestehen und die Finanzierung der medizinischen Versorgung sowie begleitender Maßnahmen weitgehend durch Kliniken und zivilgesellschaftliche Akteure getragen werden kann.
Die Aufnahme von Kindern ohne Begleitpersonen ist medizinisch, psychologisch und ethisch nicht vertretbar und darf nicht länger als Voraussetzung formuliert werden.
Darüber hinaus müssen internationale Mechanismen geschaffen werden, die einen verlässlichen Zugang zu medizinischer Behandlung gewährleisten. Politische und administrative Maßnahmen dürfen nicht länger dazu führen, dass vorhandene Hilfe unerreichbar bleibt.
Abschließende Erklärung
Die Abschlusserklärung der Tagung „Re-Move Kids" hält fest:
Jedes Kind hat ein Recht auf die bestmögliche medizinische Versorgung – unabhängig von politischen Rahmenbedingungen.
Wenn lebensrettende Behandlung möglich ist, aber durch politische Entscheidungen nicht erfolgt, handelt es sich nicht um ein logistisches Problem, sondern um eine Form der unterlassenen Hilfeleistung mit schwerwiegenden humanitären Konsequenzen.
Die Tagung hat deutlich gemacht, dass medizinische, kommunale und zivilgesellschaftliche Akteure bereit sind zu handeln.
Es ist nun Aufgabe der politischen Entscheidungsträger*innen, diese Hilfe zu ermöglichen. Jedes weitere Zögern verschlechtert die Situation der betroffenen Kinder und kostet Kinderleben.
Erklärung unterzeichnen
Diese Erklärung steht zur Unterzeichnung offen – für Teilnehmende der Tagung, medizinische Fachgesellschaften, humanitäre Akteure sowie politische und zivilgesellschaftliche Institutionen.